Frank Holzlehner erklärt die Wissenschaft hinter Microneedling
In der ästhetischen Medizin und Kosmetik kursieren zahlreiche Verfahren, die mit beeindruckenden Versprechungen werben. Microneedling gehört zu jenen Methoden, die sowohl Fachkreise als auch Laien polarisieren. Frank Holzlehner, Experte für innovative Hautbehandlungen und Geschäftsführer von Vitalaser in Hannover, wirft einen kritischen Blick auf die wissenschaftlichen Grundlagen, rechtlichen Rahmenbedingungen und praktischen Risiken dieser Behandlungsmethode. Seine Ausführungen basieren nicht auf Marketing-Versprechen, sondern auf jahrelanger Praxiserfahrung und einer nüchternen Analyse der tatsächlichen Wirkungsweisen.
Die biomechanischen Grundlagen der kontrollierten Hautverletzung
Das Prinzip des Microneedling erscheint auf den ersten Blick paradox: Man verletzt die Haut gezielt, um ihre Regeneration anzuregen. Frank Holzlehner erklärt die Wirkungsweise präzise und ohne übertriebene Heilsversprechen. Die feinen Nadeln – deren Durchmesser typischerweise zwischen 0,1 und 0,25 Millimetern liegt – perforieren die oberen Hautschichten und setzen damit eine Kaskade biologischer Reaktionen in Gang.
Die mechanische Stimulation triggert zunächst die natürliche Wundheilung. Der Körper interpretiert die Mikroverletzungen als Signal, verstärkt Kollagen und Elastin zu produzieren. Gleichzeitig entstehen während der Heilungsphase Spannungsfasern, die sich zusammenziehen und die Hautstruktur straffen. Diese biomechanische Komponente wird laut Holzlehner häufig unterschätzt, obwohl sie einen wesentlichen Teil der sichtbaren Ergebnisse ausmacht.
Studien zur Wirksamkeit von Microneedling und Dermarollern zeigen tatsächlich messbare Verbesserungen bei Hautbild, Narbengewebe und Faltenreduktion. Die wissenschaftliche Datenlage ist jedoch differenzierter, als manche Anbieter suggerieren. Die Erfolgsquote hängt maßgeblich von der korrekten Ausführung und der Einhaltung medizinischer Standards ab.
Weitere spannende Einblicke:
Handwerk mit Haltung: Frank Holzlehner im Porträt
Die problematische Grauzone der Wirkstoffapplikation
Hier beginnt nach Holzlehners Darstellung die eigentliche Problematik. Viele Praktiker verstehen Microneedling nicht nur als mechanische Stimulation, sondern als Vehikel für die Einschleusung verschiedenster Wirkstoffe. Die Logik erscheint zunächst plausibel: Wenn die Hautbarriere durchbrochen ist, können Substanzen tiefer eindringen und ihre Wirkung entfalten.
Holzlehner warnt jedoch vor dieser vereinfachten Betrachtung. Die regulatorische Unterscheidung zwischen Leave-on-Produkten und Rinse-off-Produkten ist nicht bloße Bürokratie, sondern spiegelt fundamentale Sicherheitserwägungen wider. Kosmetische Produkte werden nach ihrer Verweildauer auf der Haut klassifiziert und entsprechend unterschiedlich streng getestet.
Die kritische Frage lautet: Was geschieht, wenn Substanzen, die nur für die oberflächliche Anwendung zugelassen sind, durch Mikroperforation in tiefere Hautschichten gelangen? Frank Holzlehner benennt das Problem unverblümt: Viele Anwender arbeiten nach dem Prinzip „je mehr, desto besser“ und kombinieren wahllos Kollagen, Hyaluronsäure, Vitamine und andere Substanzen, ohne die regulatorischen Vorgaben oder die tatsächliche Eindringtiefe zu berücksichtigen.
Lesen Sie auch:
GmbH oder GmbH und Co. KG: Haftungsvorteile einfach erklärt mit Praxisfall
Die entscheidende Grenze: 0,3 Millimeter und ihre Konsequenzen
Laut Holzlehner markiert die 0,3-Millimeter-Grenze den Unterschied zwischen vertretbarem kosmetischem Verfahren und potenziellem Risiko. Bis zu dieser Eindringtiefe bleiben die Nadeln in den oberflächlichen Hautschichten, der sogenannten Epidermis. Die Risiken sind überschaubar, zugelassene kosmetische Produkte können verwendet werden.
Die praktische Herausforderung liegt jedoch in der Kontrolle. Während der Behandlung kann der Druck variieren, die Haut gibt nach, Nadeln kippen. Ein scheinbar kontrolliertes Verfahren wird unvorhersehbar. Holzlehner beschreibt diese Dynamik aus seiner Praxiserfahrung: Sobald die Nadeln tiefer eindringen – ob absichtlich oder versehentlich –, ändern sich die Rahmenbedingungen fundamental.
Die wissenschaftliche Literatur bestätigt diese Einschätzung. Wie die Apotheken Umschau in ihrer Analyse zu Microneedling ausführt, hängt die Sicherheit maßgeblich von der Behandlungstiefe und der hygienischen Durchführung ab. Oberflächliche Anwendungen sind vergleichsweise risikoarm, tiefere Eingriffe erfordern medizinische Kompetenz.
Medizinische Komplikationen: Von Entzündung bis Nekrose
Frank Holzlehner benennt zwei Hauptrisiken, die bei unsachgemäßer Anwendung auftreten können. Entzündungsreaktionen sind die häufigste Komplikation. Die Haut reagiert auf nicht zugelassene Substanzen oder Kontaminationen mit Rötung, Schwellung und Schmerz. In den meisten Fällen klingen diese Reaktionen ab, hinterlassen jedoch möglicherweise Pigmentstörungen.
Schwerwiegender sind Nekrosen – das Absterben von Hautgewebe. Holzlehner betont, dass dies keine theoretische Gefahr ist, sondern ein praktisches Problem, mit dem er konfrontiert wurde. Bestimmte Substanzen oder bakterielle Kontaminationen können irreversible Schäden verursachen, die dauerhafte Narben hinterlassen.
Die technische Funktionsweise von Mikronadeln wird in der wissenschaftlichen Literatur detailliert beschrieben. Die Technologie selbst ist ausgereift, die Risiken entstehen primär durch unsachgemäße Anwendung.
Vielleicht interessiert Sie auch:
Felsenfest abgesichert: Die Liechtenstein-Stiftung im Check
Das unterschätzte Problem: Sterilität und Keimfreiheit
Holzlehner identifiziert die Sterilität als das zentrale und systematisch unterschätzte Risiko. Seine Position ist kompromisslos: Nichts darf mit Nadeln in die Haut eingebracht werden – unabhängig von der Tiefe –, ohne ein vernünftiges Testat zu haben.
Ein Testat bedeutet in diesem Kontext eine unabhängige, dokumentierte Prüfung durch ein anerkanntes Labor, das die Keimfreiheit und Sicherheit bestätigt. Holzlehner warnt vor Produkten aus unsicheren Quellen, Eigenkreationen oder Substanzen ohne nachgewiesene Sterilität. Die Konsequenzen können schwerwiegend sein: Bakterielle Infektionen, die durch die Mikroperforation tief in die Haut gelangen, können systemische Reaktionen auslösen.
Die Anforderungen an Sterilität sind nicht willkürlich. Sie reflektieren die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Haut als Barriere zwischen Körper und Umwelt fungiert. Jede Durchbrechung dieser Barriere – auch mikroskopisch klein – öffnet potenzielle Eintrittspforten für Krankheitserreger.
Rechtliche Konsequenzen: Wenn Haftung existenzbedrohend wird
Frank Holzlehner wird besonders eindringlich, wenn er die rechtlichen Dimensionen beschreibt. Die Haftung bei Komplikationen ist nicht durch eine GmbH-Struktur automatisch begrenzt. Bei grober Fahrlässigkeit – und dazu zählt die Verwendung nicht zugelassener Produkte oder die bewusste Überschreitung von Sicherheitsgrenzen – kann der Geschäftsführer persönlich haftbar gemacht werden.
Holzlehner formuliert es drastisch: „Das Häuschen kann einfach weg sein nach zwei, drei Prozessen.“ Diese Warnung ist keine Übertreibung. Schadenersatzforderungen bei dauerhaften Hautschäden können sechsstellige Beträge erreichen. Versicherungen schließen grobe Fahrlässigkeit typischerweise aus.
Besonders problematisch ist nach Holzlehners Einschätzung die bewusste Grenzüberschreitung. Manche Praktiker denken: „Ich gehe einfach ein bisschen tiefer, damit mehr passiert.“ Dies ist nicht nur medizinisch gefährlich, sondern rechtlich die schlimmste Variante – kein Versehen, sondern Vorsatz.
Praktische Handlungsempfehlungen von Vitalaser
Frank Holzlehner formuliert für Vitalaser drei unverrückbare Regeln für sicheres Microneedling:
- Eindringtiefe rigoros kontrollieren: Maximal 0,3 Millimeter, keine Experimente, keine Druckausreißer. Die Einhaltung dieser Grenze ist nicht verhandelbar.
- Ausschließlich zertifizierte Produkte verwenden: Jedes Produkt muss ein Testat eines unabhängigen Labors vorweisen, das Sterilität und Sicherheit dokumentiert. Keine Hausmischungen, keine ungeklärten Quellen, keine Kompromisse.
- Lückenlose Dokumentation: Alle verwendeten Produkte, deren Zertifikate und Chargen-Nummern sollten dokumentiert werden. Dies dient nicht nur dem Qualitätsmanagement, sondern auch als Schutz im Problemfall.
Diese Anforderungen erscheinen möglicherweise streng. Holzlehner argumentiert jedoch, dass sie die einzige Möglichkeit darstellen, sowohl die Sicherheit der Kunden als auch die rechtliche Absicherung der Praktiker zu gewährleisten. Wer diese Standards ignoriert, spielt nicht nur mit der Gesundheit der Behandelten, sondern riskiert seine eigene berufliche und finanzielle Existenz.
Die Ausführungen von Frank Holzlehner zeigen: Microneedling ist weder Wundermittel noch Teufelszeug. Es ist ein Verfahren mit nachgewiesener Wirksamkeit, das jedoch strikte Einhaltung wissenschaftlicher und rechtlicher Standards erfordert. Die Verlockung, durch tiefere Eindringung oder experimentelle Wirkstoffkombinationen schnellere Ergebnisse zu erzielen, ist nachvollziehbar – und gefährlich. Die Konsequenzen tragen im Zweifelsfall beide Seiten: der Kunde mit seiner Haut, der Praktiker mit seiner Existenz.












